Besucher:   99159
 
Newsletter
Unser Newsletter versorgt Sie mit aktuellen Neuigkeiten aus der Region. E-Mail eintragen und kostenlos abonnieren.

Sachsen-Anhalt

 

Landkreis Börde

 

 

20 Jahre Deutsche Einheit

 

magdeburger-boerde.de

 

Sachsen-Anhalt ABC

 

 

 

Detektivin Breer ermittelt im Börde-Museum

Ummendorf, den 29.01.2018

Raubgut in der Sammlung? Im Börde-Museum Burg Ummendorf wird das jetzt untersucht. Dazu ist eine Provenienzforscherin vor Ort.

 

„Der Eintrag hier klingt verdächtig“, sagt die Provenienzforscherin und deutet auf ein Buch. Museumsleiterin Dr. Nadine Panteleon und Kunsthistorikerin Sabine Breer schauen konzentriert in das älteste Inventarverzeichnis des Börde-Museums. Darin sind alle Objekte verzeichnet, die seit der Gründung in der Zeit zwischen 1924 bis 1945 an das Museum gekommen sind. „Inventarverzeichnisse sind meist die wichtigsten Quellen für die sogenannte Provenienzforschung“, erklärt Sabine Breer, „denn hier ist eingetragen, wann die Objekte und vor allem aus welchem Besitz sie in das Museum gekommen sind. Wir können so erste Hinweise auf Raubgut erhalten.“

Raubgut bezeichnet die Dinge, die insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus und in den Wirren der Nachkriegszeit Verfolgten wie Juden, Kommunisten und Sozialisten, Freimaurern und vielen anderen durch die NS-Behörden entzogen wurden.

Projekt des Landes-Museumsverbandes

Sabine Breer ist für die Herkunftsforschung (Provenienz = Herkunft) in Ummendorf und in weiteren 16 Museen im Land zuständig. Das Projekt des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und dem Land Sachsen-Anhalt gefördert.

„Genau hier ist der verdächtige Eintrag“, sagt Sabine Breer. Nadine Panteleon liest die Stelle im Inventarbuch laut vor: „Bäuerliche Streitaxt aus dem Harzgau, Geschenk des Landesbauernführers Lehmann, Ströbeck, 1943.“ Die Museumsleiterin blättert weiter: „Und hier gibt es noch weitere sieben Waffen mit derselben Herkunft.“ Gerade die Objekte, die von NS-Behörden an das Museum gegeben wurden, regen den Verdacht, dass es sich um Raubgut handeln könnte. „Zu diesen Institutionen zählt auch die Landesbauernschaft Sachsen-Anhalt beziehungsweise der Reichsnährstand“, weiß Sabine Breer.

Sechstägige Grobprüfung

In den sechs Tagen, die sie für diesen „Erstcheck“ vor Ort an den einzelnen Museen arbeitet, sucht Breer zunächst nach Verdachtsmomenten, um zu klären, ob weiterer Forschungsbedarf besteht. „Am Ende gibt es eine Empfehlung für jedes Museum. Danach kann die Leitung entscheiden, ob sie eine vertiefende Überprüfung der Herkunft umsetzen will“ erläutert die Historikerin. Ein sicherer Nachweis auf NS-Raubgut oder eine Rückgabe von Objekten werde mit diesem ersten Schritt der Provenienzforschung noch nicht angestrebt.

„Wir machen mit, weil wir wissen wollen, ob es Objekte bei uns gibt, die anderen geraubt wurden und uns eigentlich nicht gehören“, betont Nadine Panteleon. „Schon weil für die Provenienzforschung im Museumsalltag kaum Zeit bleibt, sind wir froh, dass diese Arbeit von einer externen Wissenschaftlerin durchgeführt wird. Nicht zuletzt wollen wir zeigen, dass wir ein lebendiges Haus sind und fachlich auf der Höhe der Zeit agieren. Wir freuen uns sehr, dass wir über das Projekt die notwendige personelle Unterstützung erhalten.“

"Streitaxt" ist ein Schlichtbeil

Nach den ersten Hinweisen aus dem Inventarbuch zur „bäuerlichen Streitaxt“ ist für die Provenienzforscherin ein Gang ins Museumsdepot notwendig, um die genannten Geschenke des Landesbauernführers anzusehen und nach Beschriftungen oder Etiketten zu suchen, die weitere Hinweise auf die Herkunftsverhältnisse liefern können. Schnell stellt Sabine Breer fest, dass an der Streitaxt keine solche Spur zu finden ist. Sie meint: „Dieser Fall zeigt eines deutlich, nur selten kann man während eines Erstchecks abschließend klären, ob tatsächlich Raubgut in der Sammlung ist.“

Und dennoch hat sich für die Mitarbeiter nebenbei eine ganz andere Erkenntnis ergeben, denn Museumsmitarbeiter und Restaurator Axel Schnitzer resümiert: „Das ist allerdings keine Streitaxt, sondern ein stark abgenutztes Schlichtbeil, das man für das Bearbeiten von Balken braucht. Das hat man erst viel später als ‚Waffe‘ zusammengesetzt.“

 

Foto: Detektivarbeit: Provenienzforscherin Sabine Breer durchforstet auf der Suche nach raubgutverdächtigen Objekten im Börde-Museum Akten, Tabellen und Inventarlisten. Foto: Börde-Museum Ummendorf

 

Text: Ronny Schoof - Volksstimme